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Wenn Planbarkeit zur Ausnahme wird: Kapitalmärkte im Wandel

Mit den Angriffen Israels und der Vereinigten Staaten auf den Iran hat ein militärischer Konflikt begonnen, dessen Intensität und technologischer Mitteleinsatz außergewöhnlich sind. Allein in den ersten 100 Stunden kamen auf US-Seite tausende Offensiv- und Abwehrsysteme zum Einsatz. Die täglichen Kosten gehen in die Milliarden. Man könnte daher vermuten, dass dies ein weiterer Wachstumsschub für die globale Rüstungsindustrie und ihre Aktionäre sei.
Tatsächlich zeigte sich an den Kapitalmärkten jedoch ein anderes Bild: Die Aktienkurse des Sektors Luftfahrt und Rüstung gaben im März im Durchschnitt zweistellig nach. Das lag nicht nur am zivilen Luftfahrtanteil. Auch die Aktien zahlreicher Rüstungswerte gerieten unter Druck, darunter so bekannte Namen wie Rheinmetall, SAAB oder Babcock.
Ein Blick auf die Entwicklung der übrigen Sektoren zeigt ein nicht minder überraschendes Bild[1]

Pauschale Abverkäufe dieser Art waren für Fundamentalinvestoren in der Vergangenheit oft chancenreich. Wer in Zeiten erhöhter Unsicherheit selektiv kaufte, wurde später nicht selten belohnt. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Gilt dieses Muster auch dann noch, wenn künstliche Intelligenz nicht nur einzelne Geschäftsmodelle verändert, sondern womöglich die Grenzen menschlicher Intelligenz überschreitet? Und was folgt daraus für uns? Wir waren überzeugte Investoren solcher Geschäftsmodelle – und wurden Anfang Februar negativ überrascht.

In einer Welt im Wandel bleibt nur eine Konstante: die Bereitschaft, das eigene Denken immer wieder zu hinterfragen. Warren Buffett widmete diesem Thema in seinem Brief zum 50. Jubiläum von Berkshire Hathaway im Jahr 2014 ein ganzes Kapitel. Darin blickte er auf Entscheidungen zurück, die er später selbst als „monumental dumm“ bezeichnete.[3]
So schildert Buffett unter anderem, wie er 1964 wegen eines um ein Achtel Dollar zu niedrigen Preises die ungewollte Kontrolle über eine sterbende Textilmühle namens Berkshire Hathaway übernahm. In der Folge war er in einem furchtbaren Geschäft gebunden, das er nur unzureichend verstand, und brauchte fast zwei Jahrzehnte, um sich endgültig davon zu lösen. Diese und weitere Fehlentscheidungen kosteten seine Aktionäre viel Geld – im Fall von Berkshire sogar mehrere zehn Milliarden Dollar.
So schwer wiegen unsere Versäumnisse der vergangenen Monate nicht. Doch auch wir mussten erkennen, dass wir an einem bestimmten Weltbild festgehalten haben, das uns gegenüber Sektoren wie Banken, Grundstoffen oder klassischen Industrien zu zurückhaltend werden ließ. Wir haben Investitionen in diese Bereiche überwiegend gemieden – aus Gründen, die wir weiterhin für nachvollziehbar halten. Schließlich zählen Aktien aus diesen Sektoren in ausgeprägten Krisenphasen häufig zu den schwächeren Marktsegmenten. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Was geschieht bis dahin?
Das eigene Verhalten zu hinterfragen ist leicht, es zu verändern deutlich schwerer. Vor allem dann, wenn sich der eingeschlagene Weg über mehr als ein Jahrzehnt bewährt hat. Unsere Aufgabe als Verwalter des uns anvertrauten fremden Vermögens besteht jedoch auch darin, sich selbst immer wieder zu hinterfragen, um definierte Ziele mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit zu erreichen. Wenn ein anderer Weg diese Wahrscheinlichkeit erhöht, den bisherigen Ansatz sinnvoll ergänzt und ihn im Kern sogar fortführt, wäre es töricht, am alten Pfad unverändert festzuhalten.
Buffetts Brief erinnert daran, dass man durch ehrliche Fehleranalyse besser werden kann. Genau diese Analyse haben wir vorgenommen und unsere Allokation auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse angepasst. Nicht, um einem Trend hinterherzulaufen, sondern um zu vermeiden, dass wir aus bloßer Gewohnheit Sektoren ausschließen, die in einer veränderten und weniger planbaren Welt wieder zu tragenden Säulen werden können.

Nach dem schwachen Jahresauftakt fällt es schwer, an ein freundliches oder gar erfreuliches Jahresende zu glauben. Dennoch zeigt der Blick in die Vergangenheit, dass schwache Jahresanfänge nicht zwangsläufig ein schwaches Gesamtjahr nach sich ziehen:[4]

Zyklischer Konsum entwickelte sich in der Krise besser als nichtzyklischer Konsum, Finanzwerte hielten sich stabiler als Gesundheitsunternehmen, und IT-Titel schnitten besser ab als Immobilienwerte. Von den elf Sektoren verzeichnete im Abschwung nur einer eine positive Entwicklung – bei einem Gewicht von lediglich 4 %. Angesichts solcher Marktbewegungen lässt sich nachvollziehen, warum manche Anleger den Nutzen von Diversifikation hinterfragen.
Dies gilt umso mehr, als im vergangenen Monat nicht nur klassische Risk-on-Assets an Wert verloren. Auch Anleihen (-2 %) und Gold (-11,6 %) gaben deutlich nach und wurden ihrer Rolle als klassische Schutzinstrumente nicht gerecht. Gesucht war dagegen ausgerechnet der im vergangenen Jahr vielfach abgeschriebene US-Dollar, der leicht um 2,2 % zulegen konnte.
Verlässlichkeit und Planbarkeit sehen anders aus. Darauf haben wir uns vor Monaten vorbereitet.
Hinzu kommen weitere Unsicherheitsfaktoren. Manche sind geopolitischer Natur – von den Spannungen rund um Russland und die Ukraine bis hin zu Fragen nach der künftigen Stabilität des westlichen Bündnissystems. Noch schwerer wiegt derzeit jedoch ein anderer Themenkomplex: künstliche Intelligenz. Denn sie trägt das Potenzial tiefgreifender und in Teilen disruptiver Veränderungen in sich.
Die damit verbundene Unsicherheit hat in den vergangenen Monaten bereits deutliche Spuren an den Kapitalmärkten hinterlassen. Besonders betroffen waren Unternehmen, deren Geschäftsmodell in hohem Maße auf der Verarbeitung und Monetarisierung von Daten basiert. Dabei kann derzeit niemand verlässlich sagen, welchen Einfluss KI langfristig auf Wirtschaft und Gesellschaft haben wird und welche Unternehmen am Ende tatsächlich zu den dauerhaften Gewinnern zählen. Bis hier mehr Klarheit entsteht, bleiben erhebliche Bewertungsverzerrungen möglich – teils losgelöst von fundamentalen Daten und mit Folgen, die inzwischen sogar ganze Branchen infrage stellen:[2]

Ausnahmen waren die Jahre 2018 und 2022. Beide Situationen sind jedoch nur eingeschränkt mit der heutigen Lage vergleichbar. Im Jahr 2018 drehte das anfängliche Minus bereits wenige Wochen später wieder ins Plus und weitete sich bis zum Ende des dritten Quartals zu einem deutlichen Gewinn aus. Erst rezessive Sorgen sorgten gegen Jahresende für einen erneuten Rückschlag. Als sich diese Sorgen später als überzogen erwiesen, folgte eine kräftige Gegenbewegung, von der vor allem das Jahr 2019 profitierte.

Auch 2022 war ein Sonderfall. Damals beruhte der Inflationsschub auf einer außergewöhnlichen Kombination aus extrem expansiver Fiskal- und Geldpolitik, aufgestauter Nachfrage, gestörten Lieferketten und dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, der die Energiepreise zusätzlich stark antrieb. Die Ausgangslage ist heute eine andere: Die Geldpolitik befindet sich nach zahlreichen Zinserhöhungen und ersten Zinssenkungen in einem veränderten Umfeld, die Lieferketten haben sich angepasst, und auch von flächendeckend aufgestauter Nachfrage kann in weiten Teilen der westlichen Volkswirtschaften und China kaum noch gesprochen werden.

Ungeachtet dieser Unterschiede sind die Märkte verhalten in das Jahr gestartet. Dennoch halten wir – solange kein extremes und nicht seriös prognostizierbares Negativszenario eintritt – ein positives Börsenjahr weiterhin für möglich. Dafür sprechen aus unserer Sicht insbesondere drei Punkte:

  • Erstens erwarten wir, dass der Konflikt mit dem Iran in den kommenden Wochen an Intensität verlieren dürfte. Dafür spricht unter anderem der politische Druck im Vorfeld der Zwischenwahlen und das wachsende Risiko für die Republikaner, ihre Mehrheit in einer oder beiden Kammern des Kongresses zu verlieren.
  • Zweitens halten wir nach den Wahlen einen geteilten Kongress für ein wahrscheinliches Szenario. Ein solches Patt würde die Durchgriffsmöglichkeiten des Präsidenten begrenzen, die politische Unsicherheit reduzieren und damit tendenziell auch den Aktienmärkten helfen.
  • Drittens rechnen wir in den kommenden Monaten zunächst eher mit gleichbleibenden oder leicht höheren Zinsen. Im weiteren Jahresverlauf dürfte sich jedoch stärker durchsetzen, dass die Volkswirtschaften dies- wie jenseits des Atlantiks eher zur Schwäche als zur Stärke neigen. Damit würden Zinssenkungen der Zentralbanken wahrscheinlicher – mit potenziell positiven Effekten sowohl auf das lange Ende der Zinskurve als auch auf die Aktienmärkte.

Eine solche Entwicklung könnte über das Jahresende hinaus tragen und – anders als in diesem Jahr – auch einen freundlicheren Start in das kommende Jahr ermöglichen.

Unsere Zuversicht ist damit begründet, aber keineswegs alternativlos. Andere Szenarien sind ebenso denkbar und auf Sicht weniger Monate nicht grundsätzlich unwahrscheinlicher. Umso wichtiger ist es für uns, diesen Alternativen in der finalen Allokationsentscheidung ausreichend Raum zu geben und in einem anhaltend dynamischen Investitionsumfeld flexibel zu bleiben.

[1] Quelle: Bloomberg:
[2] Quelle: Bloomberg
[3] https://www.berkshirehathaway.com/SpecialLetters/WEB%20past%20present%20future%202014.pdf

[4] Zahlen beziehen sich auf den MSCI WORLD EUR Index

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Abseits von Kalenderjahren: Wo steht der Marktzyklus heute?

Das alte Jahr ist zu Ende gegangen, ein neues hat begonnen. Der Jahreswechsel gilt traditionell als Anlass, Bilanz zu ziehen, Vorsätze zu formulieren und Gewohntes zu hinterfragen. Auch der Rückblick auf die Kapitalmärkte sowie der Ausblick auf das kommende Jahr gehören zu diesem Ritual.

Der Erkenntnisgewinn solcher kurzfristiger Rück- und – insbesondere – Ausblicke ist jedoch begrenzt. Denn über kurze Zeiträume schwanken Ergebnisse mit Märkten, Segmenten oder Regionen; Können und Zufall sind dabei praktisch untrennbar. Und dennoch klammern wir uns an das Kalenderjahr – das Ritual des Jahresrück- und Ausblicks ist erstaunlich resistent.

Das ist nachvollziehbar. Unser Zeitempfinden ist evolutionär geprägt und orientiert sich an natürlichen Rhythmen. Die Kapitalmärkte jedoch folgen eigenen Zyklen. Wer diese ignoriert und sein Urteil und Handeln dennoch an kalendarischen Mustern ausrichtet, wird früher oder später enttäuscht – oftmals schmerzhaft. Nicht ohne Grund trägt der Kapitalmarkt den Beinamen „der große Demütiger“.

Für all jene, die am klassischen Jahresformat festhalten möchten, verweisen wir auf unser Kapitalmarktupdate vom 16.12.2025, abrufbar über unsere Homepage und die dortige Mediathek. Dieser Infobrief hingegen widmet sich dem übergeordneten Marktzyklus, den wir im Folgenden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten werden.

Diese Theorie geht auf Überlegungen von Peter Lynch zurück. Während seiner 13-jährigen Tätigkeit als verantwortlicher Manager des Fidelity Magellan Fund erzielte er eine durchschnittliche Rendite von rund 30 % p. a. und zählt damit zu den erfolgreichsten Fondsmanagern aller Zeiten.
Lynch selbst hielt – damals wie heute – wenig von Marktprognosen. Gleichwohl liefert seine sogenannte Cocktail-Theorie aufschlussreiche Erkenntnisse über das Verhalten von Anlegern im Zeitverlauf.
Entstanden ist diese Theorie aus Beobachtungen, die Lynch über Jahre hinweg auf gesellschaftlichen Veranstaltungen machte. Dort wurde er regelmäßig mit Gesprächen über Aktien konfrontiert – nicht von professionellen Investoren, sondern von Bekannten, Freunden und Zufallsbekanntschaften. Aus der Art und Intensität dieser Gespräche leitete Lynch vier typische Phasen des Kapitalmarktzyklus ab.
In der ersten Phase – nachdem sich der Markt über längere Zeit schwach entwickelt hat und kaum noch jemand an eine nachhaltige Erholung glaubt – sprechen die Menschen so gut wie gar nicht über Aktien. Kommt das Thema dennoch auf, wird es häufig rasch gewechselt. Gerne wendet man sich stattdessen einem in der Nähe stehenden Zahnarzt zu und beginnt ein Gespräch über Karies. Wenn – so Lynch – zehn Personen es vorziehen, mit einem Zahnarzt über Zahnprobleme zu sprechen, anstatt sich mit einem Fondsmanager über die Börse zu unterhalten, ist dies ein starkes Indiz dafür, dass der Markt kurz vor einer Erholung steht.
In der zweiten Phase verweilen die Partygäste laut Lynchs Erfahrungen nach der Nennung des Berufs bereits etwas länger – meist gerade lange genug, um den Gesprächspartner über die vermeintlichen Gefahren der Börse aufzuklären. Anschließend wenden sie sich jedoch erneut dem Zahnarzt zu. Noch immer drehen sich die Gespräche eher um Zahnprobleme als um Aktien. Zwar sind die Kurse im Vergleich zur ersten Phase bereits merklich gestiegen, doch diese Entwicklung interessiert weiterhin nur wenige.
In der dritten Phase notiert der Markt bereits deutlich höher. Das Interesse der Gäste am Beruf des Aktienfondsmanagers ist laut Lynch nun so stark gestiegen, dass der zuvor erwähnte Zahnarzt kaum mehr Beachtung findet. Enthusiastisch wirkende Zeitgenossen suchen gezielt das Einzelgespräch — in der Hoffnung auf einen „heißen Tipp“. Fast jeder auf der Feier hat inzwischen Geld in die eine oder andere Aktie investiert und diskutiert lebhaft über die jüngsten Kursentwicklungen.
Auch in der vierten Phase ist der Aktienfondsmanager von einer Vielzahl von Personen umringt – diesmal jedoch, um ihm selbst Ratschläge zu erteilen, welche Aktien er kaufen sollte. Selbst der von Lynch zuvor erwähnte Zahnarzt hat nun drei oder vier konkrete Empfehlungen parat und in den darauffolgenden Tagen kann der Fondsmanager in der Zeitung lesen, dass sie alle gestiegen sind. Wenn schließlich sogar der Nachbar dem Profi erklärt, welche Aktien er hätte kaufen sollen, und er im Nachgang bedauert, es nicht getan zu haben, ist dies laut Lynch ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Markt ein Hoch erreicht hat und reif für eine Korrektur ist.
Gespräche mit Inhalten, die den ersten beiden Phasen zuzuordnen wären, haben wir seit längerer Zeit weder selbst geführt noch aktiv wahrgenommen. Der überwiegende Teil des Austauschs in den vergangenen Monaten und Jahren ließ sich vielmehr der dritten Phase zuordnen. In jüngerer Zeit mehren sich jedoch Beobachtungen, die bereits einige Elemente der vierten Phase erkennen lassen.(1)

Eine weitere Perspektive, die es erfahrungsgemäß einzunehmen lohnt um festzustellen, in welcher Marktphase wir uns aktuell bewegen, ist die Betrachtung relativer Marktpreise. Aufgrund der langen und qualitativ hochwertigen Datenhistorie sowie der Tiefe und Breite des US-amerikanischen Kapitalmarktes, bildet der S&P 500 hierbei den natürlichen Ausgangspunkt. Betrachtet man sich den langfristigen, rund 100 Jahre umfassenden Trend des S&P 500 — nachfolgend zur besseren Lesbarkeit als verkürzter 25-Jahres-Ausschnitt in Form der mittleren grünen Linie dargestellt –, so lag der historische Kurszuwachs bei ca. 7% p. a.. Unter Einbeziehung der Dividenden entsprach das einer Aktionärsrendite von ca. 8 bis 10% p. a..(2)

Entlang dieses langfristigen Trends kam es immer wieder zu Ausschlägen – sowohl nach oben als auch nach unten. In rund 80 % der Zeit verblieben die preislichen Schwankungen jedoch innerhalb der dargestellten grünen Bandbreite.

Deutlich negative Abweichungen traten insbesondere in den Jahren 1932, 1942, 1949, im Zeitraum von 1974 bis 1985 sowie im Jahr 2009 auf. Positive Abweichungen waren vor allem in den Jahren 1928–1931, 1935–1937, 1997–2002 sowie im Jahr 2021 zu beobachten. Gemeinsam ist all diesen Phasen, dass die Abweichungen vom langfristigen Trend stets nur von begrenzter Dauer waren.

Ob dies auch für die aktuelle Phase der Jahre 2024 bis 2025 gilt, bleibt abzuwarten. Gleichwohl hat sich dieses historische Muster über nahezu ein Jahrhundert hinweg bewährt – allein dies sollte Anlass zu einer gewissen Vorsicht geben.

Zu berücksichtigen ist jedoch, dass die Zeit nach 2015 – und insbesondere nach 2020 – durch das Aufkommen sogenannter Ultra Caps geprägt ist. Gemeint sind Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von über einer Billion US-Dollar. Deren Anteil am S&P 500 lag zum Jahreswechsel bei rund 40 % bzw. etwa 24 Billionen US-Dollar – und damit über dem gesamten Börsenwert aller S&P-500-Unternehmen im April 2020. Entsprechend hoch ist ihre Bedeutung für die Entwicklung des Gesamtindex.

Um dennoch einen sinnvollen Vergleich – etwa mit Indizes anderer Regionen, die keine derartigen Ultra Caps beinhalten – zu ermöglichen, ist es erforderlich, diese Schwergewichte rechnerisch herauszulösen. Dies ist in der vorstehenden Grafik ab dem Jahr 2015 geschehen (siehe die entsprechenden roten Punktwerte, die jeweils den relativen Jahresendstand des S&P 500 abzüglich der zehn größten Titel darstellen).

Vergleicht man diese bereinigte Betrachtung

  • mit der eigenen Historie des S&P 490 (S&P 500 abzüglich der zehn größten Titel), so scheint die Gültigkeit des 100-jährigen Langfristtrends weiterhin gegeben. Allerdings hat sich auch hier das relative Marktpreisniveau zuletzt wieder dem des Jahres 2021 angenähert.
  • mit dem europäischen STOXX 600 sowie dem deutschen DAX, so ist der STOXX 600 auf relativer Basis nach wie vor leicht günstiger als der S&P 490 bewertet, notiert inzwischen jedoch ebenfalls auf einem Zehnjahreshoch. Gleiches gilt für den DAX, dessen relatives Marktpreisniveau mittlerweile dem des S&P 500 – also inklusive der US-amerikanischen Top-10-Aktienwerte – entspricht, obwohl im DAX keinerlei Ultra Caps enthalten sind.

Nicht unerwähnt bleiben sollte zudem, dass einige dieser US-Mega-Gesellschaften bis zuletzt ein beachtliches Gewinnwachstum aufgewiesen haben. In Kombination mit ihrer hohen Indexgewichtung hat dies dazu beigetragen, den seit der Finanzkrise bestehenden Wachstumstrend (blauer Trendkanal in der vorstehenden Grafik) aufrechtzuerhalten. Dessen jährliche Wachstumsrate liegt bei 11,5 % und entspricht damit einer Aktionärsrendite von etwa 13 % p. a., was Zweifel an dessen Nachhaltigkeit begründet. Unabhängig davon lässt sich jedoch festhalten, dass sich (auch) dieser Trend zuletzt seiner oberen Begrenzung angenähert hat und damit zunehmend ausgereizt wirkt.

Ähnlich wie bei Lynchs Cocktail-Theorie und unabhängig vom gewählten Betrachtungswinkel – sei es der 100-jährige Langfristtrend oder der Nach-Finanzmarktkrisen-Trend – sprechen die vorstehenden Beobachtungen somit auch hier für einen weit fortgeschrittenen Marktzyklus.

Führt man die Überlegungen zum relativen Marktpreisniveau weiter und unterstellt dabei die unveränderte Gültigkeit des Nach-Finanzmarktkrisen-Wachstumstrends, bleiben dennoch zentrale Fragen offen. Eine davon betrifft die Spannweite der Marktbewegungen.
Diese war in den Jahren nach der Finanzkrise vergleichsweise eng ausgeprägt und hat das Narrativ begünstigt, dass Rücksetzer vor allem Chancen auf schnelle und nachhaltige Gewinne darstellen – und weniger das Risiko länger anhaltender Verluste. Diese sogenannte Buy-the-Dip-Mentalität ist grundsätzlich zu begrüßen und Ausdruck eines steigenden Vertrauens in die Aktienmärkte.
Ihr dauerhafter Bestand setzt aus unserer Sicht jedoch eine realistischere Perspektive voraus – das heißt eine Sichtweise, die stärker an der langfristigen Realität der Kapitalmärkte orientiert ist und damit zwangsläufig deutlich größere Schwankungsbreiten zulässt, als sie durch die untere Begrenzung des blauen Trendkanals zum Ausdruck kommen.
Ein Blick in die historische Entwicklung von Marktkrisen und größeren Preisrücksetzern verdeutlicht diesen Zusammenhang.
In den vergangenen knapp 100 Jahren hat der S&P 500 insgesamt 55 Rückgänge von mehr als 10 % verzeichnet. Die 15 längsten Konsolidierungsphasen sind in der nachfolgenden Tabelle dargestellt. Als Sortierkriterium dient dabei nicht die Höhe des Kursrückgangs, sondern die Zeitspanne, die es brauchte, um den vorherigen Höchststand wieder zu erreichen.(3)

Exemplarisch sei der in der Tabelle als laufende Nummer elf ausgewiesene, grün markierte Fall genannt. Ausgehend vom September 2020 stieg der S&P 500 bis zu seinem Höchststand im Januar 2022 um rund 48 %. In der anschließenden Korrekturphase verlor der Index etwa 25 % und es dauerte bis in den Januar 2024 — und damit rund zwei Jahre – bis der vorherige Höchststand wieder erreicht werden konnte.

Bemerkenswert ist, dass es sich hierbei um den einzigen Fall innerhalb dieser 15 längsten Konsolidierungsphasen handelt, der nach der globalen Finanzkrise aufgetreten ist. Anders formuliert: Seit dem Ende der Finanzkrise kam es nur ein einziges Mal vor, dass Anleger, die zu Höchstkursen in den US-amerikanischen Aktienmarkt investiert haben, rund zwei Jahre warten mussten, bis ihr eingesetztes Kapital nominal wieder erreicht wurde. In allen anderen – hier nicht dargestellten – Fällen betrug diese Zeitspanne lediglich zwei bis 14 Monate.

Der Aktienmarkt hat Investoren folglich seit dem Ende der Finanzkrise – ungeachtet zahlreicher politischer, wirtschaftlicher und geopolitischer Belastungsfaktoren – in einer Weise verwöhnt, wie es historisch selten zu beobachten war. Diese vergleichsweise ruhige Phase hat sicherlich zur Etablierung der Buy-the-Dip-Mentalität beigetragen. Gleichwohl erscheint es wenig realistisch, anzunehmen, dass dieses Umfeld dauerhaft Bestand haben wird.

Fraglich ist, wie belastbar die Buy-the-Dip-Mentalität wäre, sollte der Markt künftig nicht nur moderate Rückgänge – wie im März/April 2025 – verzeichnen, sondern auch mittelstarke Korrekturen von 30 bis 40 % durchlaufen und es anschließend nicht Wochen oder Monate, sondern Jahre dauern, bis frühere Höchststände wieder erreicht werden.

Darauf zu vertrauen, einen solchen Stimmungswechsel rechtzeitig zu erkennen und das Portfolio durch kurzfristige Umschichtungen adäquat darauf vorzubereiten, halten wir für trügerisch und als Strategie – insbesondere bei der Verwaltung fremden Vermögens — für unangebracht.

Denn an den Kapitalmärkten wird nicht geklingelt, und der Beiname „der große Demütiger“ kommt nicht von ungefähr. Sich deswegen bereits heute auch auf ein solches Szenario vorzubereiten, erscheint uns als die bessere Strategie — denn Vorsicht ist bekanntlich besser als Nachsicht.

Lässt man die vorstehenden Inhalte auf sich wirken, so spricht vieles dafür, dass sich der aktuelle Marktzyklus in einem fortgeschrittenen Reifestadium befindet. Eigene Erfahrungen wie auch die Markthistorie legen nahe, dass Phasen dieser Art erhöhte Anforderungen an Erwartungsmanagement und Risikodisziplin stellen. Zugleich gilt jedoch: Kapitalmärkte sind nicht auf den Punkt prognostizierbar, und auch reife Zyklen können länger andauern, als viele Marktteilnehmer erwarten. Vor diesem Hintergrund erscheint eine grundsätzlich optimistische Haltung weiterhin angebracht.

Dieser Optimismus richtet sich aus unserer Sicht vor allem auf die langfristige Wertentwicklung einzelner Unternehmen sowie der Kapitalmärkte insgesamt. Innovationskraft, Produktivität und unternehmerische Wertschöpfung werden auch künftiger Garant nachhaltiger Renditen bleiben. Davon zu unterscheiden ist hingegen die kurzfristige Preisentwicklung an den Märkten — und hier scheinen die Erwartungen an vielen Stellen der realwirtschaftlichen Entwicklung bereits ein gutes Stück vorausgeeilt zu sein.

Gerade in Phasen fortgeschrittener Zyklen halten wir es daher für ratsam, in Szenarien zu denken und den Blick sowohl nach oben als auch nach unten offen zu halten – wobei Letzteres aus unserer Sicht zuletzt an Bedeutung gewonnen hat. Bestärkt wird diese Einschätzung durch die bis zuletzt vorherrschende Buy-the-Dip-Mentalität und die mit ihr einhergehende relative Sorglosigkeit. Zwar kann als sicher gelten, dass die Zukunft anders verlaufen wird als die Vergangenheit. Ob jedoch die mit KI- und Rüstungsinvestitionen verbundenen Chancen ausreichen, um das aktuelle Marktniveau dauerhaft zu stützen und die Wahrscheinlichkeit mittelgroßer oder größerer Korrekturen gering zu halten, bleibt abzuwarten. Falls nicht gilt es aus unserer Sicht, sich als Verwalter fremden Vermögens bereits heute darauf vorzubereiten!

Genau das tun wir – unverändert und unabhängig vom kalendarischen Ergebnisbeitrag. Anstatt kalendarische Fixpunkte zu bemühen, richten wir Vermögen umsichtig und konsequent an langfristigen Anlagezielen und Anlegerinteressen aus. Das ist und bleibt aus unserer Sicht der einzig relevante Fixpunkt. Entsprechend allokieren wir weiterhin diszipliniert, risikobewusst und im vollen Bewusstsein der Verantwortung für die uns anvertrauten Vermögenswerte, auch wenn sich die Sinnhaftigkeit dieses Ansatzes weniger in Aufwärtsphasen, dafür jedoch umso klarer in Abschwungphasen zeigt und er damit verständlicherweise nicht immer auf ungeteilte Zustimmung trifft.

Auf dieser Grundlage bleiben wir zuversichtlich, die Ihnen gegenüber kommunizierten Zielsetzungen auch in einem anspruchsvolleren Marktumfeld weiterhin erreichen zu können – so, wie es uns in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gelungen ist.

1 Quelle: Peter Lynch, Der Börse einen Schritt voraus (2025)
2 Quelle: Bloomberg (S&P 500), eigene Berechnungen
3 Quelle: Bloomberg (S&P 500), eigene Berechnungen

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Tanzen, solange die Musik spielt – oder schon den sicheren Platz aufsuchen?

Trotz geopolitischer Unsicherheiten und gedämpfter Konjunktursignale erreichen die globalen Aktienmärkte neue Höchststände — getragen von wenigen Mega-Caps in den USA und dem starken Bankensektor in Europa. Die zunehmende Marktkonzentration und der technologische Strukturwandel werfen zentrale Fragen zur Stabilität der Trends, zur Rolle von Diversifikation und zur Zukunftsfähigkeit heutiger Geschäftsmodelle auf. In einem von Stimmungswechseln geprägten Umfeld liefert unser aktuelles Kapitalmarktupdate einen kompakten, verständlichen und kritischen Rück- und Ausblick.

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KI, Märkte und Tesla: Warum die richtige Schublade entscheidet

Die Märkte sind überhitzt, die Wahrnehmung verzerrt – und der KI-Hype verschleiert oft die Realität. Anleger reagieren reflexartig auf Schlagwörter wie „KI-Gewinner“ oder „KI-Verlierer“, doch entscheidend ist: in welcher Schublade du wirklich bist. Oracle zeigt, wie Wachstum teuer erkauft wird, Adobe pendelt zwischen Euphorie und Skepsis, und Tesla passt in keine Kategorie. Außerdem: Es wird Zeit wieder aktiv zu steuern.

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Aufschwung 2025: Mehr Stimmung als Substanz?

Ein bislang eher unspektakuläres Jahr 2025 tritt in sein letztes Viertel ein. Mit einem Plus von 3–4 % (je nach Betrachtung) zeigte der globale Aktienmarkt – gemessen am MSCI ACWI bzw. MSCI World Index – bisher wenig Bewegung. Ähnlich verhielt es sich am globalen Rentenmarkt, der rund 2 % zulegen konnte.
Damit ist im Grunde schon vieles gesagt. Doch Durchschnittswerte spiegeln die individuelle Wahrnehmung nur unzureichend wider – und liefern daher reichlich Stoff für Diskussionen. Besonders dann, wenn sich „heimische“ Aktien oder „klassische“ Anlageklassen wie Gold deutlich positiver entwickelt haben als der globale Markt. Solche Abweichungen einfach als selbstverständlich hinzunehmen und linear in die Zukunft fortzuschreiben, erscheint uns wenig sinnvoll. Relevanter ist das Verständnis des „Warum‘s“ — und genau dieser Frage wollen wir in diesem Infobrief nachgehen.

Die folgende Grafik zeigt die Goldnachfrage verschiedener Marktakteure in den vergangenen 15 Jahren, jeweils für das erste Halbjahr:1

Die graue Linie (rechte Skala) verdeutlicht, dass die gesamte Goldnachfrage relativ stabil zwischen 2.200 und 2.400 Tonnen lag. Ebenfalls zu erkennen ist, dass Zentralbanken (gelbe Balken) ihre Käufe nach dem Amtsantritt Donald Trumps nicht ausgeweitet, sondern gegenüber dem ersten Halbjahr 2024 sogar reduziert haben. Das aktuelle Niveau liegt zudem unter dem des ersten Halbjahres 2023 und nur geringfügig über dem von 2019.

Die meisten Marktteilnehmer richten ihr Nachfrageverhalten offenbar weniger am Goldpreis als vielmehr am strukturellen Bedarf aus. Eine Ausnahme bildet das ETF-Segment (rote Balken). Hier schwankt die Nachfrage stark – von Zuflüssen von bis zu +734 Tonnen bis hin zu Abflüssen von -612 Tonnen – und beeinflusst damit die Preisentwicklung maßgeblich:2

Gegenläufig zur vergleichsweise stabilen Nachfrage institutioneller Investoren verhält sich die (preiselastische) Schmuckindustrie (dunkelgrüne Balken): Starke ETF-Zuflüsse gehen fast spiegelbildlich mit rückläufiger Schmucknachfrage einher – und umgekehrt. Daraus ergibt sich, dass die Nachfrage nach Anlagegold über ETFs häufig das sprichwörtliche „Zünglein an der Waage“ ist, das über starke Ausschläge des Goldpreises entscheidet.
Zahlreiche Studien bestätigen diesen Zusammenhang. Allerdings gilt: Den größten Einfluss auf die Preisbildung üben meist sogenannte COMEX-Futures aus. ETFs wirken in diesem Gefüge weniger trendsetzend, sondern häufig trendverstärkend, da sie bestehende Trends eher begleiten als auslösen. Dieses Momentum hat den diesjährigen Anstieg entscheidend begünstigt.
Ob es anhält, bleibt offen. Nach ähnlich starken Preissprüngen – wie etwa bis ins Jahr 2011 – folgte eine Korrektur, die in einer Halbierung des Goldpreises mündete. Und auch das muss nicht zwingend das Ende sein; schließlich sind auch deutlich stärkere Rücksetzer historisch belegt. Da Gold – als nutzungsarmes Wirtschaftsgut – keinen fundamentalen Anker besitzt, sind beide Szenarien denkbar. Für Euro-Anleger käme im Falle eines anhaltend schwachen US-Dollars zudem ein negativer Währungseffekt hinzu. Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario?

Kein Tag ohne Trump: In den vergangenen Monaten prägten zahlreiche Aussagen des amtierenden US-Präsidenten die Schlagzeilen. Seine Politik verunsicherte die Märkte – teils nur kurzfristig (wie beim Rückgang der Aktienmärkte im April dieses Jahres), teils mit bis heute anhaltender Wirkung. In letztere Kategorie fällt auch der US-Dollar, der gegenüber dem Euro rund 12 % und gegenüber anderen wichtigen Währungen im Schnitt etwa 10 % verloren hat.3

Bemerkenswert ist, dass die Entwicklung nach der Trump-Wahl zunächst in die entgegengesetzte Richtung verlief (siehe rot eingefärbte Fläche). Erst zum Jahreswechsel kam die Wende: Aus einem anfänglichen Rückenwind für den Dollar wurde Gegenwind. Diese bis heute andauernde Bewegung hat die in Euro ausgewiesenen Ergebnisse von US-Dollar-Anlagen deutlich belastet. So reduzierte sich das Plus des globalen Aktienmarktes von knapp 18 % auf lediglich 4 % in Euro – keine geringe Differenz.
Dennoch halten wir wenig von den immer wieder geäußerten Abgesängen auf den US-Dollar und der Vorstellung eines dauerhaften Niedergangs. Dagegen sprechen mehrere Gründe:

Der US-Dollar ist und bleibt absehbar die unangefochtene Leitwährung auf den weltweiten Güter- und Finanzmärkten. Eine echte Alternative ist weit und breit nicht in Sicht:4

Eine Differenz von 11 % – wie im 5-Jahresvergleich – mag für sich genommen nach viel klingen und manchen Anleger dazu einladen, aktiv auf Währungen zu setzen und so vermeintlich „mehr“ aus dem Investment herauszuholen. Doch wer dem kurzfristigen Reiz folgt, riskiert die eigentliche Renditequelle: die Wertentwicklung des Unternehmens. Diese ist es, auf die Investoren setzen sollten. Denn sie bildet die Hauptursache, aus dem die Microsoft-Aktie in den vergangenen Jahren mehr als 140% (5 Jahre), 1.100% (10 Jahre) oder sogar fast 3.000% (20 Jahre) hat zulegen können — egal, in welcher Währung man misst.

Ein vergleichbares Maß an „Ablehnung“ gegenüber dem Dollar gab es zuletzt während der Coronakrise sowie zwischen 2008 und 2014 (siehe den Chart auf Seite 2). Doch weder erscheint uns die Zeit nach der Finanzmarktkrise repräsentativ (die ihren Ursprung in US-Subprime-Krediten hatte und mit einer vermeintlichen europäischen Alternative einherging), noch liegen wir aktuell weit entfernt von den Tiefstständen der Coronakrise.

Auch die Positionierung institutioneller Investoren deutet darauf hin, dass der aktuelle Trend bereits weit fortgeschritten ist. Wie die folgende Grafik zeigt, korrelieren deren Positionierungen stark mit den Auf- und Abschwüngen von EUR/USD. Werte oberhalb der Nulllinie spiegeln dabei eine pro-EUR-Haltung wider, Werte darunter eine pro-USD-Positionierung. In beiden Fällen wirkt diese Stimmungslage regelmäßig (auch hier) als „Zünglein an der Waage“:5

Fazit: Die aktuelle Positionierung schließt zwar weitere Dollar-Abwertungen nicht aus. Angesichts der Reife des laufenden EUR-Trends erscheinen sie jedoch zunehmend unwahrscheinlich.

Erstmals zu Beginn des Jahres 2021 überstieg die Marktkapitalisierung von Tesla die von Meta. Seither liefern sich beide Unternehmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen:

Die Annahme, dass Tesla und Meta damit auch fundamental in derselben Liga spielen, liegt nahe – entspricht aber nicht der Realität. Während Tesla-Aktionäre in diesem Jahr ein Nettoergebnis von rund 6 Mrd. US-Dollar (ähnlich wie 2021) und in zwei Jahren von etwa 11,5 Mrd. US-Dollar (vergleichbar mit 2022) erwarten dürfen, können Meta-Aktionäre auf das Zehnfache hoffen. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim operativen Ergebnis und beim freien Cashflow:6

Die daraus abgeleiteten Bewertungsvielfachen bewegen sich bei Meta in einer Bandbreite von 15–25 und stehen damit im Einklang mit der Unternehmens-, Sektor- und Markthistorie. Bei Tesla hingegen liegen die Multiplikatoren zwischen 80 und 260 – Werte, die eine Verbindung zwischen Aktienkurs und Unternehmenswert kaum noch erkennen lassen.
Tesla ist dabei kein Einzelfall. Auch andere Unternehmen, denen populäre Narrative wie „Künstliche Intelligenz“ oder „europäische Rüstung“ zugeschrieben werden, erfreuen sich anhaltender Beliebtheit und hoher, durch ETFs verstärkter, Liquiditätszuflüsse — und das weitgehend unabhängig von fundamentalen Bewertungsmaßstäben. An die Stelle nüchterner Zahlen treten Geschichten, in denen beispielsweise Tesla nicht mehr nur als Automobilhersteller, sondern als Technologie- und KI-Unternehmen mit Robotaxi-Potenzial und angehängter SpaceX-Abteilung zu bewerten ist.
Zweifel an solchen Erzählungen haben den Kurs der Tesla-Aktie in der Vergangenheit zwar um 50–70 % einbrechen lassen. Doch diese Rückgänge waren stets von kurzer Dauer und haben die Überzeugung genährt, dass Rücksetzer vor allem Einstiegschancen darstellen. Auf Dauer aber können Aktienkurs und Unternehmenswert nicht entkoppelt existieren. Es ist daher keine Frage des Ob, sondern des Wann und Wie sie sich wieder annähern. Am Ende obsiegt selten die Story – sondern die Realität der Zahlen.

Die Zeit momentumgetriebener (ETF-)Strategien ist angebrochen – und bringt ständig neue Stilblüten hervor. Ob Rohstoffe (Gold), Währungen (US-Dollar) oder Einzelaktien (Tesla, Rheinmetall & Co.): Gelder finden ihren Weg und treiben die Kurse – zunehmend ohne realen Bezug.
Einen stabilen Anker zu finden, ist bei Gütern mit nur geringem Nutzungswert (wie Gold) schwierig, bei Fremdwährungen kaum leichter. Hier braucht die Fortsetzung des Trends ein anhaltend positives Stimmungsbild und damit verbundene Liquiditätszuflüsse. Kippt die Stimmung, stirbt das Momentum – und verkehrt sich ins Gegenteil. Das gilt besonders für „Spekulationsrohstoffe“ wie Gold, deren Fallhöhe ungewiss ist.

Unternehmen dagegen besitzen einen realen Bezug und sind von Wert. Dieser ist in Form künftiger Erlös- und Ertragsentwicklungen sowie deren (hoffentlich kluger) Verwendung anzunehmen und sollte sich langfristig im Aktienpreis widerspiegeln. Doch mit fortschreitender Hausse tritt dieser Aspekt oft in den Hintergrund. Dauer und Ausmaß solcher Entwicklungen sind schwer einzuschätzen; sich ihnen allzu stark entgegenzustellen, kaum ratsam. Schließlich gilt: „Märkte können länger irrational bleiben, als man selbst zahlungsfähig.“ (John Maynard Keynes).
Der Zeitpunkt wird jedoch kommen, an dem die Geschichte auserzählt ist und sich entkoppelte Aktienkurse wieder der Unternehmenswirklichkeit annähern. Und das kann im Zeitalter momentumgetriebener Märkte rasant schnell geschehen – denn Momentum kennt nicht nur eine Richtung. Sich dessen bewusst zu bleiben und diese Erkenntnis regelmäßig in eigene Anlageentscheidungen einzubeziehen, halten wir für unerlässlich.

1 https://www.gold.org/goldhub/research/gold-demand-trends/gold-demand-trends-q2-2025
2 Quelle: Bloomberg
3 Quelle: Bloomberg Dollar Spot Index
4 https://www.federalreserve.gov/econres/notes/feds-notes/the-international-role-of-the-u-s-dollar-2025-edition-20250718.html; Der Index ist ein gewichteter Durchschnitt des Anteils jeder Währung an den weltweit offengelegten Devisenreserven (Gewichtung 25 %), des Devisenhandelsvolumens (25 %), der Emission von Fremdwährungsschulden (25 %), der Fremdwährungs- und internationalen Bankforderungen (12,5 %) sowie der Fremdwährungs- und internationalen Bankverbindlichkeiten (12,5 %).
Index der internationalen Währungsverwendung
5 Quelle: Bloomberg
6 Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen

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Zwischen KI-Boom und Kursexzessen – wie viel Rationalität bleibt noch?

KI-Euphorie treibt Tech-Aktien, Rüstungsaufträge stärken deutsche Firmen — und Unternehmenszahlen verursachen teils starke Kursschwankungen. In einem zunehmend stimmungsgetriebenen Marktumfeld, sind besonnene Entscheidungen wichtig. Unser Kapitalmarktupdate bietet einen kompakten, verständlichen und kritischen Überblick über das aktuelle Geschehen.

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Wachstum um jeden Preis? Wenn Bewertungen den Blick trüben

Palantir, Cadence oder Synopsys beeindrucken mit Wachstum – doch die Bewertungen wirken oft losgelöst von den Fundamentaldaten. Diese hohen Kurse stehen im Gegensatz zu den soliden, verlässlichen Gewinnen etablierter Konzerne wie Adobe, Novo Nordisk oder PayPal. Ein genauer Blick auf die Bewertungen zeigt, wo Chancen und Risiken wirklich liegen.

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Von Rückschlag zu Rekord: Neue Höchststände, alte Unsicherheit

Nun liegt das erste Halbjahr 2025 hinter uns. Mancher mag erleichtert aufatmen, denn es fehlte wahrlich nicht an Hiobsbotschaften: Der anhaltende Ukrainekrieg, die Eskalation im Nahen Osten oder die konfrontative Rhetorik Donald Trumps in Richtung China und Europa. Jede dieser Entwicklungen reichte aus, um Emotionen hochkochen zu lassen und die Märkte ins Wanken zu bringen. So geschehen Anfang April, als bspw. der S&P 500 in wenigen Tagen über 10% verlor. Zusammen mit dem Minus aus dem ersten Quartal verfehlte er das Baisse-Kriterium (-20% vom Höchststand) nur knapp.

Trotz unverändert angespannter Nachrichtenlage konnten sich die Märkte im Laufe des Quartals deutlich erholen. In den letzten Juni-Tagen gelang es dem S&P 500 sogar, neue Höchststände zu markieren. Am Ende stand ein Halbjahresplus von 6% — nicht weit entfernt von den rund 9%, die der europäische Aktienmarkt erreichte:1

Angesichts solch positiver Zahlen wird manch Anleger mit Erstaunen auf die eigene Depotentwicklung blicken und sich vielleicht fragen, warum sich diese positive Entwicklung nicht oder nur teilweise im eigenen Depot wiederfindet. Naheliegende Erklärungen wie ein Verzicht auf bestimmte Branchen (z. B. Rüstungs- oder Banktitel) oder eine schwächere Titelauswahl greifen zu kurz. Der eigentliche Grund ist ein anderer: Der starke Euro trübt die Bilanz! Denn der Euro hat im ersten Halbjahr gegenüber dem US-Dollar deutlich zugelegt. Aus einem US-Dollar-Plus von 6% wurde so, für in Euro rechnende Anleger, ein Minus von fast 7%. In gleicher Weise, wie der Anteil von „US-Werten“ im eigenen Depot zunahm, nahm die Depot-Performance folglich ab:2

Wer in Erwartung einer anhaltenden Euro-Stärke nun überlegt, US-Aktien zu meiden oder abzubauen, sollte einen Schritt zurücktreten und das große Bild in Gestalt der nachfolgenden Grafik betrachten. Diese zeigt die Entwicklung des US-Dollars in Relation zu einem Währungskorb, der aus den zehn global führenden Währungen besteht, die nach ihrem Anteil am internationalen Handel und Liquidität gewichtet sind:3

Demnach war die US-Dollar-Stärke bis zum Jahresende 2024 sehr ausgeprägt. Unmittelbar mit dem Jahreswechsel setzte die gegenteilige Entwicklung ein. Doch zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass sich Phasen der relativen US-Dollar-Stärke und -Schwäche abwechseln und selten von Dauer sind. Die aktuelle Entwicklung nähert sich zudem schnellen Schrittes historischen Extremwerten (z. B. 2012–2014, 2020–2021) an, welche in der Vergangenheit oftmals Wendepunkte darstellten.

Lässt man das Vorstehende auf sich wirken, scheinen Zweifel am heute gängigen Narrativ einer ungewöhnlichen oder gar in hohem Maße besorgniserregenden USD-Schwäche angebracht. Auf ihre dauerhafte Fortsetzung zu hoffen oder gar zu setzen, scheint uns schon deswegen kaum sinnvoll.

Die folgende Grafik legt nahe, dass die Entwicklung des EUR/USD-Wechselkurses seit Beginn des sogenannten „Handelskriegs“ weniger von den Zinsdifferenzen als von anderen Faktoren beeinflusst wurde.4 Dabei waren genau diese Zinsunterschiede über viele Jahre hinweg oft der zentrale Treiber (Ursache) für Wechselkursbewegungen (Wirkung). Diesen historisch bewährten Zusammenhang grundsätzlich infrage zu stellen, erscheint wenig sinnvoll — zumal an den Börsen die vier teuersten Worte nach wie vor lauten: „Diesmal ist alles anders“.

Sollte der bis zuletzt starke Zufluss ausländischen Kapitals — welcher als ein wesentlicher Grund für die EUR-Aufwertung in den letzten Monaten gelten darf — nachlassen, versiegen oder sich gar in Abflüsse verkehren, wäre nicht nur mit einem wieder erstarkenden US-Dollar (Wirkung) zu rechnen. Vielmehr würde damit auch ein nachlassendes Interesse außereuropäischer Investoren an deutschen und europäischen Aktien einhergehen. Dies war zwar nicht die alleinige Ursache, aber durchaus ein bedeutender Treiber für den teils kräftigen Kursanstieg gerade im Bereich deutscher und europäischer (Rüstungs-)Aktien.
In diesem Zusammenhang möchten wir auch auf unsere Ausarbeitung „Aufrüstung mit Fragezeichen: Europas Weg zwischen Bedrohung und Überforderung“ hinweisen, die wir Ihnen bei Interesse gerne zur Verfügung stellen.

Ohnehin gilt, dass langfristig orientierte Anleger Wechselkursbewegungen nicht überbewerten sollten. Die historische Entwicklung der Microsoft-Aktie zeigt dies eindrücklich:5

Eine Differenz von 11 % – wie im 5-Jahresvergleich – mag für sich genommen nach viel klingen und manchen Anleger dazu einladen, aktiv auf Währungen zu setzen und so vermeintlich „mehr“ aus dem Investment herauszuholen. Doch wer dem kurzfristigen Reiz folgt, riskiert die eigentliche Renditequelle: die Wertentwicklung des Unternehmens. Diese ist es, auf die Investoren setzen sollten. Denn sie bildet die Hauptursache, aus dem die Microsoft-Aktie in den vergangenen Jahren mehr als 140% (5 Jahre), 1.100% (10 Jahre) oder sogar fast 3.000% (20 Jahre) hat zulegen können — egal, in welcher Währung man misst.

Ein bewegtes erstes Halbjahr mit teils heftigen Ausschlägen an den globalen Aktienmärkten liegt hinter uns — wovon europäische Anleger jedoch nur wenig gespürt haben. Denn abgesehen von ein paar unruhigen Aprilwochen ging es an den heimischen Aktienmärkten überwiegend bergauf. Am Ende des ersten Halbjahrs stand auf europäischer Seite ein Plus von 9%.
Jenseits des Atlantiks fielen die Rückgänge hingegen stärker aus — ein Bärenmarkt wurde nur knapp vermieden. Doch bereits im April setzte auch dort die Erholung ein. Am Ende stand beim S&P 500 ein solides Halbjahresplus von 6%. Für europäische Anleger brachte diese US-Erholung kurzfristig jedoch keinen spürbaren Mehrwert. Denn der schwache US-Dollar verwandelte das Plus von 6% in ein Minus von 7% und trug wesentlich dazu bei, dass europäische Aktien ihre US-Pendants im ersten Halbjahr scheinbar um satte 16% übertrafen – real betrachtet wären es ohne Wechselkursverzerrung lediglich 3% gewesen.
In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick auf die Hintergründe der Euro-Stärke: Die Entwicklung des EUR/USD-Wechselkurses wurde zuletzt weniger von Zinsdifferenzen als vielmehr von Kapitalströmen beeinflusst. Obwohl historisch betrachtet die Zinsunterschiede über Jahrzehnte hinweg ein zentraler Treiber (Ursache) für Wechselkursbewegungen (Wirkung) waren, scheint dieser Zusammenhang aktuell an Bedeutung verloren zu haben. Den etablierten Kausalitäten vorschnell die Gültigkeit abzusprechen, hielten wir jedoch für falsch.
Sollte der bis zuletzt starke Zufluss ausländischen Kapitals künftig nachlassen oder sich gar ins Gegenteil verkehren, wäre nicht nur mit einem erstarkenden US-Dollar zu rechnen. Damit einhergehen bzw. dem zugrunde liegen würde auch ein nachlassendes Interesse außereuropäischer Investoren an deutschen und europäischen Aktien — ein durchaus bedeutender Treiber für die deutschen und europäischen Kursdynamiken der letzten Monate.

Kurzfristig können Kapitalströme und Wechselkursschwankungen folglich sichtbaren Einfluss auf die eigene Depotentwicklung nehmen. Für langfristig orientierte Anleger sind sie jedoch von untergeordneter Bedeutung – vorausgesetzt, man bleibt der eigenen Strategie treu und lässt sich nicht zu hektischen Reaktionen verleiten. Der Leitsatz „Währungen schwanken, Werte bleiben“ bringt es auf den Punkt: Wer auf echte Unternehmenswerte setzt, investiert richtig – unabhängig vom Auf und Ab der Währungen.

1 Quelle: Bloomberg
2 Quelle: Bloomberg
3 Bloomberg Dollar Spot Index, Quelle: Bloomberg
4 Quelle: Apollo Global Management
5 Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen

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DAX im Umbruch – und die Welt gleich mit?

Vom Wirecard-Skandal zur DAX-Reform und der Erweiterung auf 40 Werte – mit Erfolg? Auf den ersten Blick schon – seit der Aufstockung schlägt der DAX sogar S&P 500 und NASDAQ 100. Doch wie sieht es unter der Oberfläche aus? Und global? Trumps „Zollhammer“ erschütterte die Märkte – das Moratorium brachte nur kurze Ruhe. Droht jetzt ein stürmischer „Independence Day“?

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Im Einkauf liegt der Gewinn

Wir haben die Unsicherheiten der letzten Wochen genutzt, um unsere Netto-Investitionsquote von 45% auf 60% zu erhöhen – nicht aus Mut, sondern aus Überzeugung.

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